Studiengangwechsel in Deutschland: die Anrechnungsfallen
Stand: 18. Oktober 2026
Beim Studiengangwechsel kann die neue Hochschule bestandene Leistungen anerkennen und Fehlversuche aus dem alten Studium anrechnen – beides regelt vor allem ihre Prüfungsordnung. Ein Hochschulwechsel setzt Fehlversuche nicht automatisch zurück. Von 182 Hochschulen in unserer Versuchsregeln-Datenbank rechnen 76 Fehlversuche von anderen Hochschulen ausdrücklich an. Bei den übrigen 106 ist die Anrechnung nicht geregelt, nur hochschulintern geregelt oder nicht belegt (Stand: Oktober 2026). Ob Deine Zielhochschule dazugehört, steht in ihrer Prüfungsordnung.
Das Wichtigste in Kürze
- 76 von 182 Hochschulen der Datenbank rechnen externe Fehlversuche ausdrücklich an. Bei den übrigen 106 ist die Anrechnung nicht geregelt, nur hochschulintern geregelt oder nicht belegt (Stand: Oktober 2026).
- In der Stuttgarter Sammel-Prüfungsordnung für acht Bachelorstudiengänge (21.07.2025) ist der Antrag auf Anerkennung innerhalb von zwei Semestern nach der Einschreibung zu stellen, danach ist er ausgeschlossen (§ 21 Abs. 6).
- BAföG: Der wichtige Grund für einen Fachrichtungswechsel gilt nur bis zum Beginn des fünften Fachsemesters, danach braucht es einen unabweisbaren Grund (§ 7 Abs. 3 BAföG).
Bestandene Leistungen anerkennen
Für bestandene Leistungen gilt in den geprüften Ordnungen der Maßstab „kein wesentlicher Unterschied“. In Stuttgart werden Leistungen anerkannt, wenn hinsichtlich der erworbenen Kompetenzen kein wesentlicher Unterschied besteht (§ 21 Abs. 2). Marburg dreht die Beweislast um: Kann die Hochschule keinen wesentlichen Unterschied nachweisen, sind die Leistungen anzuerkennen (§ 21 Abs. 1 der Allgemeinen Bestimmungen für Bachelorstudiengänge). Dabei ist in Marburg kein schematischer Vergleich vorzunehmen, sondern eine Gesamtbetrachtung unter besonderer Berücksichtigung der erreichten Qualifikationsziele (§ 21 Abs. 1). Liegen die Voraussetzungen vor, besteht ein Rechtsanspruch auf Anerkennung (Stuttgart § 21 Abs. 6, Marburg § 21 Abs. 5). Fehlen einzelne Leistungen, kann Stuttgart Ergänzungsleistungen festlegen (§ 21 Abs. 2), Marburg die Anerkennung mit Auflagen verbinden (§ 21 Abs. 6). Der Prüfungsausschuss entscheidet auf Deinen Antrag. In Marburg verlangt er Unterlagen, aus denen Bewertungen und Zeitpunkte aller Prüfungsleistungen hervorgehen, und es soll ersichtlich sein, welche Prüfungen nicht bestanden oder wiederholt wurden (§ 21 Abs. 4). Genau hier werden Fehlversuche sichtbar. In Stuttgart richtet sich die Einstufung in ein Fachsemester nach dem Umfang der anerkannten Leistungen (§ 21 Abs. 7). Die Anrechnung kann dort versagt werden, wenn mehr als die Hälfte der ECTS-Credits oder die Bachelorarbeit angerechnet werden sollen (§ 21 Abs. 2).
Fehlversuche: So regeln Prüfungsordnungen das
Die Regeln unterscheiden sich. Diese Beispiele stammen aus der Versuchsregeln-Datenbank und den Ordnungen selbst:
| Hochschule | Regelung | Fundstelle | Stand |
|---|---|---|---|
| JGU Mainz | Nicht bestandene Prüfungen im selben Studienfach an anderen deutschen Hochschulen sind als Fehlversuche anzurechnen, ebenso Module anderer Studiengänge, die dem Modul „im Wesentlichen entsprechen“ | Ordnung Zwei-Fächer-Bachelor, § 18 Abs. 3 | 21.07.2026 |
| Uni Stuttgart | Fehlversuche in vergleichbaren oder anderen Studiengängen werden von Amts wegen angerechnet, soweit sie Gegenstand der Bachelorprüfung sind | Sammel-PO vom 21.07.2025, § 21 Abs. 4 | 21.07.2026 |
| Uni Marburg | Fehlversuche werden anerkannt, sofern sie im Fall ihres Bestehens anerkannt worden wären | Allgemeine Bestimmungen Bachelor, § 21 Abs. 7 (4. Änderung vom 21.01.2026) | 22.07.2026 |
| Uni Hamburg | Anrechnung externer Fehlversuche in den geprüften Fakultäts-Prüfungsordnungen (MIN, WiSo) nicht geregelt | Fakultäts-POs | 21.07.2026 |
Die Landesgesetze setzen den Rahmen. In Rheinland-Pfalz dürfen die Prüfungsordnungen eine Anrechnung externer Fehlversuche bestimmen (§ 25 Abs. 3 S. 4 und 5 HochSchG), Mainz und die RPTU tun das. In Sachsen-Anhalt wird die Anerkennung andernorts erbrachter Leistungen bei endgültigem Nichtbestehen abgelehnt (§ 13 Abs. 2 S. 4 HSG LSA). Zum Wechsel vor dem Drittversuch siehe Uni-Wechsel vor dem Drittversuch, zum Wechsel der Hochschulart Von der Uni an die FH.
Was ein angerechneter Fehlversuch kostet
Die Mainzer Ordnung zeigt, wie die Anrechnung rechnerisch wirkt. Pflicht- und Wahlpflicht-Modulprüfungen können höchstens zweimal wiederholt werden, ein Modul hat also drei Versuche (§ 18 Abs. 2). Angerechnet werden nicht bestandene Leistungen im selben Studienfach an einer anderen deutschen Hochschule sowie in Modulen eines anderen Studiengangs, die dem Mainzer Modul im Wesentlichen entsprechen und bei denen für das Bestehen gleichwertige oder geringere Anforderungen galten (§ 18 Abs. 3). Sind für ein Modul zwei solche Fehlversuche anzurechnen, bleibt in Mainz noch ein Versuch.
Marburg und Stuttgart ziehen die Grenze anders. In Marburg werden Fehlversuche anerkannt, sofern sie im Fall ihres Bestehens anerkannt worden wären (§ 21 Abs. 7). Ein Fehlversuch in einem Modul, das in Marburg nicht anerkennbar wäre, kommt nach dem Wortlaut nicht mit. In Stuttgart werden Fehlversuche in vergleichbaren oder anderen Studiengängen von Amts wegen angerechnet, soweit sie Gegenstand der Bachelorprüfung im neuen Studiengang sind (§ 21 Abs. 4).
Mainz verlangt bei der Zulassung zur Bachelorprüfung eine Erklärung, ob und wie oft Du Prüfungsleistungen in denselben Fächern oder Modulen an einer Hochschule im In- oder Ausland nicht bestanden hast, und darf eine Unbedenklichkeitsbescheinigung fordern (§ 10 Abs. 2). Wer wegen angerechneter Fehlversuche keine Möglichkeit mehr hat, die erforderlichen Prüfungsleistungen zu erbringen, wird nicht zugelassen, die Einschreibung ist dann aufzuheben (§ 10 Abs. 3 Nr. 5). Prüfe deshalb vor dem Wechsel, wie viele Versuche Dir nach der Anrechnung bleiben. Lehnt die Hochschule die Zulassung ab, steht im Bescheid eine Rechtsbehelfsbelehrung (so ausdrücklich Mainz, § 10 Abs. 4). Die Monatsfrist läuft ab Bekanntgabe, welcher Rechtsbehelf statthaft ist, steht dort und auf der Seite Deines Bundeslands; die Schritte stehen in der Anleitung zum Widerspruch.
Sperre und Unbedenklichkeitsbescheinigung
Neben der Anrechnung prüft die Zielhochschule, ob die Einschreibung wegen eines endgültigen Nichtbestehens zu versagen ist. Ob die Sperre auch verwandte Studiengänge erfasst, regelt das Hochschulgesetz Deines Landes auf drei Arten: direkt im Gesetz, nur wenn die Prüfungsordnung es bestimmt, oder gar nicht (Tabelle in Prüfungsanspruch verloren; Maßstäbe in Verwandter Studiengang). Manche Hochschulen verlangen dafür eine Unbedenklichkeitsbescheinigung Deiner bisherigen Hochschule. Dort wird das Nichtbestehen sichtbar. Wer es verschweigt, riskiert die Rücknahme der Immatrikulation nach dem Landes-Verwaltungsverfahrensgesetz, bei arglistiger Täuschung ohne Jahresfrist (Fehlversuche verschweigen).
Schriftliche Auskunft statt mündlicher Zusage
Frag den Prüfungsausschuss der aufnehmenden Hochschule vor dem Wechsel schriftlich, wie er Fehlversuche behandelt. Eine mündliche Auskunft im Studierendensekretariat bindet die Hochschule nicht. Die Zusage, einen bestimmten Verwaltungsakt zu erlassen oder zu unterlassen, ist eine Zusicherung und bedarf der Schriftform (§ 38 Abs. 1 VwVfG bzw. die inhaltsgleiche Vorschrift des Landes). Eine allgemeine Auskunft ersetzt sie nicht – sie hilft Dir aber bei der Entscheidung.
BAföG und Fachsemester
Wer BAföG bezieht, sollte den Wechsel mit dem Amt klären, bevor er ihn vollzieht. Für Hochschulen gilt: Der wichtige Grund für Abbruch oder Fachrichtungswechsel greift nur bis zum Beginn des fünften Fachsemesters, beim ersten Wechsel wird er bis zum Beginn des vierten Fachsemesters in der Regel vermutet, danach braucht es einen unabweisbaren Grund. Semester, die die neue Hochschule anrechnet, werden bei der Bestimmung des maßgeblichen Fachsemesters abgezogen (§ 7 Abs. 3 BAföG). Mehr dazu in Nach der Exmatrikulation: BAföG, Krankenversicherung, Kindergeld.
Häufige Fragen
Werden beim Studiengangwechsel automatisch alle Fehlversuche übernommen?
Nein. Ob Fehlversuche aus dem alten Studium angerechnet werden, steht in der Prüfungsordnung der aufnehmenden Hochschule. 76 von 182 Hochschulen der Datenbank rechnen sie ausdrücklich an. Bei den übrigen 106 ist die Anrechnung nicht geregelt, nur hochschulintern geregelt oder nicht belegt (Stand: Oktober 2026).
Kann ich die Anrechnung von Fehlversuchen ablehnen?
Das hängt von der Ordnung ab. In der Stuttgarter Sammel-Prüfungsordnung (§ 21 Abs. 4) werden Fehlversuche von Amts wegen angerechnet, in Mainz sind sie als Fehlversuche anzurechnen (§ 18 Abs. 3). Beide Wortlaute knüpfen die Anrechnung der Fehlversuche nicht an einen Antrag – ein Verzicht auf die Anerkennung bestandener Module hilft dort also nicht ohne Weiteres.
Was ist der Unterschied zwischen einer Sperre für „meinen Studiengang“ und für „verwandte Studiengänge“?
Der gewählte Studiengang ist nach endgültigem Nichtbestehen überall gesperrt. Bei verwandten Studiengängen unterscheiden sich die Länder: direkt im Gesetz (Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen), nur per Satzung oder Prüfungsordnung (Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland) oder gar nicht (übrige sieben Länder).
Was passiert, wenn angerechnete Fehlversuche meine Versuche aufbrauchen?
In Mainz wird die Zulassung zur Bachelorprüfung abgelehnt, wenn wegen angerechneter Fehlversuche keine Möglichkeit mehr besteht, die erforderlichen Prüfungsleistungen zu erbringen. Die Einschreibung ist dann aufzuheben (§ 10 Abs. 3 Nr. 5 der Ordnung). Andere Ordnungen regeln das eigenständig.
Bis wann muss ich die Anerkennung beantragen?
Das bestimmt die Ordnung der Hochschule. In der Stuttgarter Sammel-Prüfungsordnung gilt eine Frist von zwei Semestern nach der Einschreibung, danach ist der Antrag ausgeschlossen (§ 21 Abs. 6).
Brauche ich für jeden Wechsel eine Unbedenklichkeitsbescheinigung?
Ob sie verlangt wird, bestimmt die Zielhochschule in ihren Einschreibeunterlagen. Frag vor der Bewerbung nach.
Checkliste vor dem Wechsel
- Lies die Prüfungsordnung der Zielhochschule und suche nach „Fehlversuche“, „Anrechnung“ und „Anerkennung“.
- Frag den Prüfungsausschuss schriftlich, ob Fehlversuche aus Deinem bisherigen Studium angerechnet werden und in welcher Frist der Antrag zu stellen ist.
- Kläre, ob die Sperre nur Deinen bisherigen Studiengang erfasst oder nach dem Recht des Ziellandes auch den neuen.
- Frag, ob eine Unbedenklichkeitsbescheinigung verlangt wird, und beantrage sie rechtzeitig.
- Lass Dir die Auskunft schriftlich bestätigen. Eine verbindliche Zusage ist nur in Schriftform wirksam.
- Prüfe, ob ein Verzicht auf Anrechnung etwas bringt: Wo die Ordnung Fehlversuche von Amts wegen oder zwingend anrechnet, hilft er nicht.
- Sprich vor dem Wechsel mit dem BAföG-Amt.
Quellen
- § 7 BAföG, Erstausbildung, weitere Ausbildung: Fachrichtungswechsel und Abbruch, wichtiger Grund bis zum fünften Fachsemester, Abzug angerechneter Semester
- § 38 VwVfG, Zusicherung: Zusicherung nur in Schriftform wirksam
- § 48 VwVfG, Rücknahme eines rechtswidrigen Verwaltungsaktes: Rücknahme, Jahresfrist, Ausnahme bei arglistiger Täuschung
- Universität Stuttgart, Amtliche Bekanntmachung Nr. 36/2025: Prüfungsordnung für acht Bachelorstudiengänge, § 21 Anerkennung und Anrechnung, Rechtsanspruch, Fehlversuche von Amts wegen, Antragsfrist
- JGU Mainz, Ordnung für die Prüfung im Zwei-Fächer-Bachelorstudiengang: § 10 Zulassung und Erklärungspflicht, § 18 Abs. 2 und 3 Wiederholung und Anrechnung von Fehlversuchen
- Philipps-Universität Marburg, Allgemeine Bestimmungen Bachelor, Lesefassung: § 21 Anerkennung, Gesamtbetrachtung, Beweislastumkehr, Auflagen, Fehlversuche
- HochSchG Rheinland-Pfalz, Rahmen: § 25 Abs. 3 S. 4 und 5, Prüfungsordnungen können die Anrechnung externer Fehlversuche bestimmen
- HSG Sachsen-Anhalt: § 13 Abs. 2 S. 4, Ablehnung der Anerkennung nach endgültigem Nichtbestehen