Fehlversuche verschweigen: Rücknahme, BAföG, Strafrecht
Stand: 18. Oktober 2026
Wer bei der Einschreibung ein endgültiges Nichtbestehen verschweigt, riskiert die Rücknahme der Immatrikulation, auch mit Wirkung für die Vergangenheit. Rechtsgrundlage ist § 48 des Landes-Verwaltungsverfahrensgesetzes (in Bayern Art. 48 BayVwVfG). Bei arglistiger Täuschung gilt dafür keine Jahresfrist. Strafrechtlich kommt § 156 StGB in Betracht, nämlich bei einer falschen Versicherung an Eides statt vor der zuständigen Behörde.
Wann besteht eine Angabepflicht?
Die Pflicht ergibt sich aus der Immatrikulationsordnung und dem Einschreibeformular der Hochschule, die nach früheren Studiengängen und einem endgültigen Nichtbestehen fragen können. Hintergrund sind die Hochschulgesetze: Sie versagen die Einschreibung nach einem endgültigen Nichtbestehen, in Nordrhein-Westfalen etwa zwingend (§ 50 Abs. 1 Nr. 2 HG NRW). Ob die Sperre auch verwandte Studiengänge erfasst, regelt das Land der Zielhochschule auf drei Arten: direkt im Gesetz, nur wenn die Prüfungsordnung es bestimmt, oder gar nicht (Tabelle in Prüfungsanspruch verloren).
Die Hochschule erfährt von einem Nichtbestehen vor allem über Unterlagen, die sie selbst verlangt: die Unbedenklichkeitsbescheinigung der Vorhochschule oder ein Transcript of Records. Wie oft Falschangaben auffallen, lässt sich nicht beziffern.
Rücknahme der Immatrikulation
Eine Einschreibung, die trotz Sperre erfolgt ist, ist rechtswidrig. Ein rechtswidriger Verwaltungsakt kann auch nach Unanfechtbarkeit mit Wirkung für die Zukunft oder für die Vergangenheit zurückgenommen werden (§ 48 Abs. 1 S. 1 VwVfG, inhaltsgleich im Landesrecht). Es ist eine Ermessensentscheidung, vorher ist Dir Gelegenheit zur Äußerung zu geben (§ 28 Abs. 1 VwVfG, im Landesrecht entsprechend).
Für die Rücknahme gilt ab Kenntnis der Tatsachen eine Jahresfrist (§ 48 Abs. 4 S. 1 VwVfG). Sie entfällt bei arglistiger Täuschung (Abs. 4 S. 2). Dann kann sich der Betroffene auch nicht auf Vertrauen berufen und bekommt keinen Ausgleich für Vermögensnachteile (§ 48 Abs. 3 S. 2 i. V. m. Abs. 2 S. 3 Nr. 1 VwVfG). Ob eine falsche Angabe arglistig war, hängt vom Einzelfall ab. Einzelne Hochschulgesetze nennen den Fall ausdrücklich: In Nordrhein-Westfalen ist zu exmatrikulieren, wenn die Einschreibung durch Zwang, arglistige Täuschung oder eine Straftat herbeigeführt wurde (§ 51 Abs. 1 Nr. 2 HG NRW). In Brandenburg kann die Immatrikulation widerrufen werden, wenn sich nachträglich Immatrikulationshindernisse herausstellen (§ 15 Abs. 4 BbgHG).
Ein Rücknahmeverfahren läuft in der Regel so ab:
- Die Hochschule erfährt vom Nichtbestehen und prüft, ob die Immatrikulation hätte versagt werden müssen.
- Sie gibt Dir Gelegenheit zur Äußerung.
- Sie entscheidet nach Ermessen und erlässt einen Bescheid mit Rechtsbehelfsbelehrung.
- Gegen den Bescheid geht Dein Land einen von drei Wegen: Widerspruch in 14 Ländern, Klage in Berlin (einen Monat ab Bekanntgabe) und in Bayern beides zur Wahl (Anleitung zum Widerspruch).
Widerspruch und Klage haben grundsätzlich aufschiebende Wirkung (§ 80 Abs. 1 VwGO) – anders ist es, wenn die Hochschule den Sofortvollzug anordnet. Wie das bei der Exmatrikulation läuft, steht in Zwangsexmatrikulation nach Drittversuch.
Strafrecht
Strafbar ist die falsche Versicherung an Eides statt vor einer dafür zuständigen Behörde: Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe (§ 156 StGB). Ob Deine Hochschule eine solche Versicherung verlangt oder nur eine Erklärung im Formular, steht im Formular. Eine einfache Erklärung ist keine Versicherung an Eides statt, § 156 StGB greift dann nicht. Die Strafverfolgung verjährt nach fünf Jahren (§ 78 Abs. 3 Nr. 4 StGB), gerechnet ab Beendigung der Tat (§ 78a StGB). Die verwaltungsrechtliche Rücknahme unterliegt diesen Fristen nicht, dafür gilt § 48 VwVfG.
BAföG
Wird die Immatrikulation rückwirkend zurückgenommen, kann das auch Leistungen betreffen, die am Studium hängen, etwa das BAföG. Das Amt kann Bewilligungen unter den Voraussetzungen der §§ 45 und 50 SGB X aufheben und zurückfordern (§ 20 Abs. 1 BAföG verweist darauf). Für die Vergangenheit darf das Amt eine Bewilligung nur zurücknehmen, wenn ein Fall des § 45 Abs. 2 S. 3 SGB X vorliegt, etwa Angaben, die der Begünstigte vorsätzlich oder grob fahrlässig in wesentlicher Beziehung unrichtig oder unvollständig gemacht hat. Das Amt muss dies innerhalb eines Jahres seit Kenntnis der Tatsachen tun (§ 45 Abs. 4 SGB X). Ob und in welchem Umfang das geschieht, entscheidet das Amt im Einzelfall. Den Überblick zu BAföG, Krankenversicherung und Kindergeld nach dem Studienende gibt Nach der Exmatrikulation.
Offen angeben statt verschweigen
Ausdrücklich anrechnen 76 von 182 Hochschulen in unserer Versuchsregeln-Datenbank die Fehlversuche, die Studierende an anderen Hochschulen gesammelt haben. Bei den übrigen 106 ist die Anrechnung nicht geregelt, nur hochschulintern geregelt oder nicht belegt (Stand Oktober 2026). Ein Hochschulwechsel setzt Fehlversuche also nicht automatisch zurück, und ob Deine Zielhochschule zu den 76 gehört, steht in ihrer Prüfungsordnung. Die Einzelheiten stehen in Uni-Wechsel vor dem Drittversuch. Welche Wege nach einem Bescheid offen sind, ordnet Die wichtigste Weiche ein.
Liegt der Bescheid über das endgültige Nichtbestehen schon vor, bleiben diese Wege ohne Verschweigen:
- Widerspruch, wenn der Bescheid Fehler hat (Anleitung), und ein Härtefallantrag, wo die Prüfungsordnung ihn vorsieht;
- ein Studiengang ohne Sperre, geprüft nach den Regeln aus Verwandter Studiengang;
- eine Privathochschule mit eigener Prüfungsordnung;
- ein Studium im Ausland.
Vor der Einschreibung hilft diese Reihenfolge: Lies zuerst, wonach das Einschreibeformular fragt. Beantworte jede Frage vollständig. Verlangt die Hochschule die Unbedenklichkeitsbescheinigung, beantrage sie rechtzeitig bei der bisherigen Hochschule. Bist Du unsicher, ob Dein Zielstudiengang als verwandt gilt, frag schriftlich beim Studierendensekretariat nach, bevor Du Dich bewirbst.
Wenn Du schon etwas verschwiegen hast
Schreib nicht auf eigene Faust an die Hochschule – räum nichts ein, bevor Du Deine Lage beraten lassen hast. Sammle zuerst Deine Unterlagen: das Einschreibeformular, den Bescheid über das endgültige Nichtbestehen und alle Schreiben der Hochschule. Rechtsberatung bieten viele AStAs an, ein Verzeichnis steht unter AStA-Verzeichnis. Kommt von der Hochschule ein Anhörungsschreiben, beachte die darin gesetzte Frist und lass Dich vor der Antwort beraten. Die Anhörung gibt Dir Gelegenheit, Dich zu den erheblichen Tatsachen zu äußern (§ 28 Abs. 1 VwVfG). Als Beteiligter kannst Du die Akten einsehen, soweit Du sie zur Wahrung Deiner rechtlichen Interessen brauchst (§ 29 Abs. 1 VwVfG, im Landesrecht entsprechend). Beantrage die Akteneinsicht schriftlich und notiere Dir, bis wann die Hochschule eine Stellungnahme erwartet.
Häufige Fragen
Muss ich ein endgültiges Nichtbestehen bei der Einschreibung angeben?
Die Pflicht ergibt sich aus der Immatrikulationsordnung und dem Einschreibeformular der Hochschule. Beantworte jede dort gestellte Frage wahrheitsgemäß. Hochschulgesetze versagen die Einschreibung nach endgültigem Nichtbestehen im gewählten Studiengang, je nach Land auch in verwandten Studiengängen.
Kann die Hochschule die Immatrikulation auch nach Jahren zurücknehmen?
Ja, bei arglistiger Täuschung gibt es keine Jahresfrist (§ 48 Abs. 4 S. 2 VwVfG bzw. Landesrecht). Sonst darf die Behörde nur innerhalb eines Jahres ab Kenntnis zurücknehmen (§ 48 Abs. 4 S. 1). Die Rücknahme steht im Ermessen der Hochschule und setzt eine Anhörung voraus.
Muss ich auch einzelne Fehlversuche angeben, wenn ich nicht endgültig durchgefallen bin?
Die Sperre der Hochschulgesetze knüpft an das endgültige Nichtbestehen an. Welche Fragen das Einschreibeformular stellt, steht dort; beantworte, was gefragt wird, vollständig und wahrheitsgemäß.
Ist falsches Verschweigen strafbar?
Nur wenn Du eine Versicherung an Eides statt vor der zuständigen Behörde falsch abgibst (§ 156 StGB: Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe). Eine einfache Erklärung im Formular ist keine solche Versicherung.
Muss ich BAföG zurückzahlen, wenn die Immatrikulation zurückgenommen wird?
Das kann sein. Das Amt kann Bewilligungen nach den §§ 45 und 50 SGB X aufheben und die Leistung zurückfordern, wenn die Voraussetzungen vorliegen. Es entscheidet im Einzelfall, mehr in Nach der Exmatrikulation: BAföG, Krankenversicherung, Kindergeld.
Was kann ich tun, wenn ich etwas verschwiegen habe?
Hol Dir Beratung, bevor Du der Hochschule schreibst, etwa beim AStA (Verzeichnis). Kommt ein Anhörungsschreiben, beachte die Frist darin.
Quellen
- § 48 VwVfG, Rücknahme eines rechtswidrigen Verwaltungsaktes: Rücknahme mit Wirkung für Vergangenheit, Vertrauensschutz, Jahresfrist, Ausnahme bei arglistiger Täuschung
- § 28 VwVfG, Anhörung Beteiligter: Gelegenheit zur Äußerung vor belastendem Verwaltungsakt
- § 29 VwVfG, Akteneinsicht durch Beteiligte: Akteneinsicht, soweit zur Verteidigung rechtlicher Interessen erforderlich
- § 78 StGB, Verjährungsfrist: fünf Jahre bei Taten mit Höchststrafe von mehr als einem Jahr bis zu fünf Jahren
- § 78a StGB, Beginn der Verjährung: Beginn mit Beendigung der Tat
- § 156 StGB, Falsche Versicherung an Eides Statt: Strafbarkeit der falschen Versicherung vor der zuständigen Behörde
- § 20 BAföG, Rückzahlungspflicht: Aufhebung der Bewilligung, Verweis auf §§ 44 bis 50 SGB X
- § 45 SGB X, Rücknahme eines rechtswidrigen begünstigenden Verwaltungsaktes: Rücknahme und Vertrauensschutz bei Sozialleistungen
- § 50 SGB X, Erstattung zu Unrecht erbrachter Leistungen: Erstattung nach Aufhebung des Verwaltungsaktes
- HG NRW, Fassung vom 07.05.2025: § 50 Abs. 1 Nr. 2 Einschreibungshindernis, § 51 Abs. 1 Nr. 2 Exmatrikulation bei arglistiger Täuschung
- BbgHG: § 15 Abs. 4 Widerruf der Immatrikulation bei nachträglich bekannten Hindernissen