Rücktritt von der Prüfung: Attest und Prüfungsunfähigkeit

Stand: 18. Oktober 2026

Wer am Prüfungstag krank ist, tritt zurück. Erkennt der Prüfungsausschuss die Gründe an, zählt der Versuch nicht als Fehlversuch: In den untersuchten Ordnungen gilt eine Prüfung nur als nicht bestanden, wenn der Rücktritt oder das Fehlen ohne triftige Gründe erfolgt (FH Münster, AT PO § 11 Abs. 1; HAWK, PO § 10 Abs. 1). Du brauchst drei Dinge: Prüfungsunfähigkeit zum Termin, ein Attest nach den Vorgaben Deiner Prüfungsordnung und eine unverzügliche Meldung. Nach dem Termin hilft ein Attest nur noch in engen Grenzen. Ob Du vor oder nach dem entscheidenden Versuch stehst, bestimmt Deine Optionen: Vor oder nach dem endgültigen Nichtbestehen: die Weiche.

Prüfungsunfähig oder nur krank?

Krank zu sein genügt nicht. Entscheidend ist, ob Du wegen einer vorübergehenden Beeinträchtigung Deines körperlichen oder psychischen Zustands nicht in der Lage bist, in der Prüfung Deine individuelle Leistungsfähigkeit zu zeigen. So fasst es das Bundesverwaltungsgericht für den nachträglichen Rücktritt (Urt. v. 24.02.2021, 6 C 1.20, Leitsatz 1).

Vor dem Termin trittst Du mit Attest zurück. Manche Ordnungen erlauben die Abmeldung auch ohne Gründe, die FH Münster etwa bis eine Woche vor dem Termin und ohne Anrechnung auf die Versuche (AT PO § 13 Abs. 5). Nach Prüfungsbeginn verlangen die Ordnungen triftige Gründe (FH Münster § 11 Abs. 1). Das BVerwG lässt den nachträglichen Rücktritt wegen Krankheit nur zu, wenn Du die Beeinträchtigung während der Prüfung nicht erkennen konntest. Wer sie kennt und trotzdem antritt, riskiert, dass der Rücktritt nicht anerkannt wird. Tritt sie erst während der Prüfung auf, melde Dich sofort bei der Aufsicht.

Typische Lagen

LageWas giltBeleg
Du bist am Prüfungsmorgen krank, die Prüfung hat noch nicht begonnenRücktritt mit Attest; Gründe unverzüglich anzeigen und glaubhaft machenFH Münster § 11 Abs. 2; HAWK § 10 Abs. 2 und 3
Du schreibst trotz Beschwerden und meldest Dich erst danachnachträglicher Rücktritt nur, wenn Du die Beeinträchtigung während der Prüfung nicht erkennen konntestBVerwG, Leitsatz 1
Dir wird erst während der Klausur schlechtsofort die Aufsicht informieren; ein Rücktritt nach Beginn braucht triftige GründeFH Münster § 11 Abs. 1
Eine Erkrankung belastet jede Deiner PrüfungenRücktritt scheidet aus, Nachteilsausgleich kommt in Betracht; Berlin regelt das nach der Aufstellung des Studierendenwerks anders (§ 30 Abs. 8 BerlHG)BVerwG, Leitsatz 2
Ein Kind oder Angehöriger, den Du überwiegend allein versorgst, ist erkranktder Erkrankung der Studierenden gleichgestelltHAWK § 10 Abs. 4

„Unverzüglich“ bedeutet ohne schuldhaftes Zögern (§ 121 Abs. 1 BGB). Die Ordnungen konkretisieren das mit festen Zeiträumen: drei Arbeitstage bei der HAWK, bei der FH Münster der Tag der Prüfung oder der Tag danach für das Attest.

Was die Hochschule verlangt

Das Attest und die Frist regelt die Prüfungsordnung. Zwei Beispiele:

Ordnung (Fassung)MeldungAttestBesonderheit
FH Münster, AT PO § 11 (XVIII. Änderungsordnung vom 29.07.2026)Rücktritt und Gründe unverzüglich anzeigen und glaubhaft machenunaufgefordert beifügen; bescheinigt die Prüfungsunfähigkeit ohne Befundtatsachen oder Diagnose; am Prüfungstag oder am Tag danach einholen, im Original in der Regel bis zum dritten Werktag nach dem Termin beim PrüfungsausschussZweitgutachten bei begründeten Zweifeln, etwa bei mehr als zwei Fällen von Prüfungsunfähigkeit in sechs Kalendermonaten
HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen, PO Fakultät Ingenieurwissenschaften und Gesundheit, Allgemeiner Teil § 10 (Fassung vom 09.07.2025)unverzüglich in Textform (als Regelfrist nennt die Ordnung drei Arbeitstage)qualifizierte Prüfungsunfähigkeitsbescheinigung, in der Regel nicht später als am Prüfungstag ausgestellthohe Maßstäbe, Anerkennung nur bei plötzlich eintretenden Härtefallsituationen; bei zweiten Wiederholungsprüfungen amtsärztliche Bescheinigung auf Kosten der Studierenden möglich

Das Landesrecht prägt die Ordnungen – in Nordrhein-Westfalen genügt für den Nachweis eine ärztliche Bescheinigung über das Bestehen der Prüfungsunfähigkeit. Bestehen Anhaltspunkte für Prüfungsfähigkeit, darf die Hochschule auf ihre Kosten eine Bescheinigung ihres Vertrauensarztes verlangen. Gutachten der Gesundheitsämter finden nicht statt (§ 63 Abs. 7 HG NRW, Fassung vom 07.05.2025). Ob ein einfaches ärztliches Attest reicht oder mehr verlangt wird, steht also in der Ordnung Deiner Hochschule. Im Zweifel frag das Prüfungsamt vor dem Termin.

Ein Beispiel nach den Münsteraner Fristen: Deine Klausur ist am Montag, 19.10.2026, und Du erwachst mit Fieber. Du meldest Dich am Montag beim Prüfungsamt, lässt das Attest am Montag oder spätestens am Dienstag ausstellen und gibst das Original in der Regel bis Donnerstag, 22.10.2026, beim Prüfungsausschuss ab, dem dritten Werktag nach dem Termin. Wer erst am Freitag handelt, riskiert die Anerkennung.

Dauerleiden und Prüfungsangst

Rücktritt und Nachteilsausgleich sind zwei Instrumente für zwei Lagen. Eine Krankheit, die nicht vorübergehend, sondern auf unabsehbare Zeit den Zustand des Prüflings beeinträchtigt, prägt nach dem BVerwG die individuelle Leistungsfähigkeit und berechtigt nicht zum Rücktritt. Anders ist es, wenn Behandlung oder Hilfsmittel in absehbarer Zeit zu Heilung oder Symptomfreiheit führen – das muss dann aber feststehen, eine hohe Wahrscheinlichkeit genügt nicht. Einen Nachteilsausgleich wegen eines Dauerleidens musst Du nach Ablegen der Prüfung unverzüglich geltend machen (Leitsätze 2 und 3). Ob er Dir zusteht, hat das Gericht in diesem Fall nicht entschieden. Das Landesrecht kann großzügiger sein – in Berlin berechtigen nach der Aufstellung des Deutschen Studierendenwerks (Gesetzesstand 11.07.2023) auch Dauerleiden zum Rücktritt, der bis zum Beginn der Prüfung möglich ist (§ 30 Abs. 8 BerlHG). Lies den aktuellen Wortlaut im Berliner Gesetz nach. Wie Du ihn beantragst und was bei Prüfungsangst gilt, steht in Prüfungsangst: Attest, Rücktritt oder Nachteilsausgleich?.

Wenn der Rücktritt abgelehnt wird

Lehnt der Prüfungsausschuss ab, zählt der Versuch regulär, im ungünstigsten Fall als nicht bestanden. Gegen die Ablehnung gibt die Rechtsbehelfsbelehrung den Weg vor, und die Seite Deines Bundeslands liefert den Hintergrund. Für 14 Länder heißt er Widerspruch. Berlin hat in Hochschulangelegenheiten keinen Widerspruch (§ 42 Abs. 2 LOG Berlin), dort läuft ab Bekanntgabe die einmonatige Klagefrist. Bayern lässt die Wahl zwischen Widerspruch und Klage (Art. 12 Abs. 1 S. 1 Nr. 6 AGVwGO). Die Frist beträgt einen Monat ab Bekanntgabe (§ 70 Abs. 1 S. 1 VwGO). Sie berechnet der Fristenrechner, den Widerspruch formuliert der Widerspruch-Generator. Bewahre Attest, Einreichungsnachweis und den Schriftverkehr mit dem Prüfungsamt auf. Die Schritte im Einzelnen stehen in der Anleitung zum Widerspruch.

Was im Attest stehen sollte

  1. Das Datum der Untersuchung, möglichst der Prüfungstag. Die FH Münster verlangt, es am Prüfungstag oder am Tag danach einzuholen.
  2. Die Aussage, dass Du zum Prüfungstermin prüfungsunfähig warst. Sie muss sich auf die Prüfung beziehen und nicht nur auf Deine Arbeitsfähigkeit.
  3. Die Beschwerden und ihre Auswirkung auf die Prüfung am Termin, soweit die Ordnung das verlangt.
  4. Die voraussichtliche Dauer der Einschränkung.
  5. Die Diagnose nur, wenn die Prüfungsordnung sie fordert. Die FH Münster will das Attest ausdrücklich ohne Befundtatsachen und Diagnose.
  6. Der rechtzeitige Eingang im Original beim Prüfungsausschuss – und Dein Nachweis darüber. Heb eine Kopie auf.

Häufige Fragen

Reicht ein hausärztliches Attest für den Rücktritt?

Das bestimmt die Prüfungsordnung. Die FH Münster und das Hochschulgesetz NRW verlangen eine ärztliche Bescheinigung der Prüfungsunfähigkeit, ausdrücklich fachärztlich muss sie dort nicht sein. Die HAWK fordert eine qualifizierte Bescheinigung und kann bei zweiten Wiederholungen eine amtsärztliche verlangen. Eine Selbstauskunft genügt in keiner dieser Ordnungen.

Zählt Prüfungsangst als Prüfungsunfähigkeit?

Als Dauerzustand nicht: Ein Dauerleiden berechtigt nach dem BVerwG nicht zum Rücktritt. Der Weg ist der Nachteilsausgleich, mehr dazu in Prüfungsangst und Nachteilsausgleich.

Kann ich ein endgültiges Nichtbestehen mit einem Attest rückgängig machen?

Nur in engen Grenzen. Der nachträgliche Rücktritt setzt eine vorübergehende Erkrankung voraus, die Du während der Prüfung nicht erkennen konntest, und eine Ordnung, die ihn zulässt. Sonst bleiben Widerspruch und Härtefallantrag, siehe Drittversuch nicht bestanden: Deine 7 Optionen.

Kann ich noch während der Prüfung zurücktreten?

Nach Prüfungsbeginn nur, wenn die Beeinträchtigung erst während der Prüfung auftritt und Du sie sofort meldest. Wer die Prüfung in Kenntnis der Erkrankung beginnt und abgibt, kann sich meist nicht mehr darauf berufen. Die Ordnungen verlangen für einen Rücktritt nach Beginn triftige Gründe (FH Münster § 11 Abs. 1).

Was passiert, wenn ich mehrfach ein Attest einreiche?

Die Hochschule darf dann prüfen. Die FH Münster kann ein ärztliches Zweitgutachten verlangen, wenn Prüfungsunfähigkeit innerhalb von sechs Kalendermonaten mehr als zweimal geltend gemacht wird (§ 11 Abs. 3). In NRW kommt die Bescheinigung des Vertrauensarztes der Hochschule in Betracht (§ 63 Abs. 7 HG NRW).

Sollte ich für den Rücktritt einen Anwalt einschalten?

Bei einem klar belegten Einzelfall meist nicht. Lehnt die Hochschule den Rücktritt ab, kann anwaltliche Beratung helfen, Erfolgsaussichten und Frist einzuschätzen. Was das kostet, steht in Prüfungsanfechtung Kosten.

Quellen

Dieses Portal informiert, ersetzt aber keine Rechtsberatung im Einzelfall. Bei einer laufenden Frist oder einer schwierigen Entscheidung hilft eine kurze Rücksprache mit dem AStA oder einem Anwalt für Prüfungsrecht mehr als jeder Artikel.