Überdenkungsverfahren: Dein Recht auf erneute Bewertung
Stand: 18. Oktober 2026
Im Überdenkungsverfahren sehen die Prüfer Deine Bewertung auf Deine konkreten Einwände hin erneut durch. Du forderst es in Deinem Widerspruch ausdrücklich ein und nennst, welche Aufgabe aus welchem Grund anders zu bewerten ist. Wo es einen Widerspruch gibt, läuft das Verfahren in dessen Rahmen. Berlin ist die Ausnahme: Einen Widerspruch in Hochschulangelegenheiten gibt es dort nicht (§ 42 Abs. 2 LOG Berlin), die Prüfungsordnungen regeln ein Gegenvorstellungsverfahren (§ 42 Abs. 2 S. 2 LOG Berlin), und die einmonatige Klagefrist läuft ab Bekanntgabe weiter. Bayern lässt die Wahl zwischen Widerspruch und Klage. In den übrigen 14 Ländern legst Du gegen den Prüfungsbescheid Widerspruch ein. Maßgeblich ist die Rechtsbehelfsbelehrung, Näheres zu Deinem Land steht auf der Seite Deines Bundeslands.
Woher das Recht kommt
Das Bundesverfassungsgericht hat 1991 entschieden, dass berufsbezogene Prüfungen intensiv in die Berufswahl eingreifen und Prüflinge deshalb Einwände gegen ihre Noten wirksam vorbringen können müssen (BVerfG, Beschluss vom 17.04.1991, 1 BvR 419/81 u. a., BVerfGE 84, 34, Leitsatz 1 und Rn. 38 bis 43). Das Gericht verlangt, dass der Rechtsbehelf so ausgestaltet ist, dass die Einwände geprüft und gewürdigt werden. Die Prüfer dürfen in diese Kontrolle einbezogen werden; eine zweite Verwaltungsinstanz mit vollständiger Neubewertung ist nicht geboten.
Die Entscheidung betrifft berufsbezogene Prüfungen (Art. 12 Abs. 1 GG). Abschlussprüfungen, die den Berufszugang eröffnen, fallen darunter; bei einzelnen Modulprüfungen kommt es auf Prüfungsordnung und Landesrecht an.
Wie das Verfahren in den entschiedenen Fällen aussah
Das Bundesverfassungsgericht hat die Verfahren beschrieben, die es nicht beanstandete: Die Prüflinge konnten ihre Prüfungsakten mit Protokollen und Korrekturbemerkungen einsehen, ihre Einwände gingen an die beteiligten Prüfer zur Berücksichtigung und Nachkorrektur, und die Prüfer äußerten sich eingehend dazu (Rn. 40). Dass die Prüfer selbst in die Kontrolle einbezogen werden, nannte das Gericht unbedenklich. Die Widerspruchsbehörde bewertete die Leistungen nicht neu, sondern kontrollierte, ob ins Gewicht fallende Bewertungsfehler erkennbar waren. Das weicht von der Regel des § 68 Abs. 1 S. 1 VwGO ab, wonach Rechtmäßigkeit und Zweckmäßigkeit im Vorverfahren nachzuprüfen sind. Ein Gesetz kann Ausnahmen bestimmen (Rn. 41). Entscheidend ist nach Rn. 43, dass Du auf vermeintliche Irrtümer rechtzeitig und wirkungsvoll hinweisen und ein Überdenken erreichen kannst. Wie das Verfahren bei Dir aufgebaut ist, regeln Landesrecht und Prüfungsordnung.
Was Du im Widerspruch schreibst
Pauschale Sätze wie „Ich bin mit der Note nicht einverstanden“ lösen keine fachliche Prüfung aus. Nenne stattdessen:
- welche Aufgabe oder welchen Prüfungsteil Du für falsch bewertet hältst,
- warum die Bewertung fehlerhaft ist, etwa weil Deine Antwort vertretbar und folgerichtig begründet war oder das Gutachten sich mit ihr nicht auseinandersetzt,
- wo in Klausur oder Gutachten Du das belegst.
Ein Mustersatz für die Begründung:
Ich beantrage, die Bewertung der Aufgabe 3 im Überdenkungsverfahren durch die Erst- und Zweitprüfer überprüfen zu lassen: Meine Lösung ist vertretbar und folgerichtig begründet, weil [Begründung]. Das Gutachten (Seite [Nummer]) setzt sich damit nicht auseinander.
Reichst Du die Begründung erst nach der Akteneinsicht ein, genügt im ersten Schreiben ein Satz wie: „Ich beantrage, meine nachfolgend dargelegten Einwände im Rahmen eines Überdenkungsverfahrens den zuständigen Prüfern zur erneuten fachlichen Prüfung vorzulegen; die Begründung reiche ich nach Akteneinsicht nach.“
Welche Einwände wie klingen, zeigt die folgende Übersicht:
| Einwand | Beispielsatz |
|---|---|
| Rechenfehler | Die Teilpunkte auf Seite [Nr.] ergeben [Summe], im Gutachten steht [Summe]. |
| Vertretbare Antwort als falsch gewertet | Meine Lösung zu Aufgabe [Nr.] folgt [Ansicht oder Herleitung] und ist vertretbar, weil [Grund]. |
| Abzug ohne Begründung | Zu Aufgabe [Nr.] sind [Zahl] Punkte abgezogen; das Gutachten nennt dafür keinen Grund. |
| Falscher Maßstab | Das Gutachten verlangt [Anforderung], die Aufgabenstellung fragt nur nach [Gegenstand]. |
Den Widerspruch-Generator kannst Du nutzen, um den Satz in ein vollständiges Schreiben einzubauen. Ohne Akteneinsicht fehlt Dir meist die Grundlage für solche Einwände – dazu Akteneinsicht und Klausureinsicht. Wie Du Bewertungsfehler findest, steht in Bewertungsfehler und Antwortspielraum. Das Überdenken betrifft die Bewertung; Störungen während der Prüfung rügst Du gesondert: Verfahrensfehler rügen.
Was das Verfahren leisten kann
Das Überdenken ist eine Kontrolle durch die Prüfer selbst, keine zweite Prüfung. Verfassungsrechtlich geboten ist keine vollständige Neubewertung durch eine zweite Instanz (BVerfGE 84, 34, Rn. 41 bis 43). Stichhaltige Einwände gegen die fachliche Richtigkeit oder gegen die Vertretbarkeit einer Lösung können zu einer Änderung der Note führen. Reine Notenfragen, etwa ob eine Leistung „befriedigend“ oder „gut“ ist, bleiben dagegen im Bewertungsspielraum der Prüfer (Rn. 54 und 64). Ein Anspruch auf ein bestimmtes Ergebnis besteht nicht – aber auf eine Auseinandersetzung mit Deinen Einwänden. Welche Fehler Gerichte später prüfen, beschreibt Bewertungsfehler und Antwortspielraum.
Was Prüfungsordnungen dazu sagen
Ob und wie das Überdenken in der Prüfungsordnung steht, ist von Hochschule zu Hochschule verschieden. An der CAU Kiel kannst Du gegen Entscheidungen im Prüfungsverfahren binnen eines Monats nach Bekanntgabe beim zuständigen Prüfungsausschuss Widerspruch einlegen. Er soll mit konkreten Einwänden begründet werden; fehlt die Begründung, kann nach Aktenlage entschieden werden. Die Personen, die die Entscheidung getroffen haben, müssen sie überdenken und schriftlich Stellung nehmen (§ 27 Prüfungsverfahrensordnung Bachelor/Master 2019, Lesefassung Stand 15.07.2026).
Die Staatsprüfungen haben eigene Regeln. Bei der Ersten Lehramtsprüfung in Bayern erhebst Du Einwände schriftlich beim Prüfungsamt, spätestens einen Monat nach Aushändigung des Zeugnisses oder der Bescheinigung, und begründest sie konkret binnen zwei Monaten. Das Prüfungsamt leitet sie den Prüfenden zu, und auf Grund von deren Stellungnahmen entscheidet der Vorsitzende des Prüfungshauptausschusses. Ein solcher Antrag wahrt die Frist für den Verwaltungsrechtsweg nicht (§ 19 Abs. 1, 2 und 6 LPO I, Text gilt ab 18.03.2025). Prüfe deshalb immer beide Fristen – die der Prüfungsordnung für Deine Einwände und die Widerspruchs- oder Klagefrist.
So läuft es ab
- Du legst Widerspruch ein und forderst darin das Überdenken mit konkreten Einwänden ein. Die Frist von einem Monat ab Bekanntgabe (§ 70 Abs. 1 S. 1 VwGO) läuft unabhängig davon; Fristbeginn und Muster stehen im Artikel zum Blanko-Widerspruch.
- Das Prüfungsamt leitet Deine Einwände an die Prüfer weiter.
- Die Prüfer nehmen in der Regel schriftlich Stellung und halten ihre Bewertung aufrecht oder ändern sie ganz oder teilweise.
- Die Behörde entscheidet über den Widerspruch durch Widerspruchsbescheid.
- Wird der Widerspruch zurückgewiesen, kannst Du binnen eines Monats nach Zustellung Klage erheben (§ 74 Abs. 1 S. 1 VwGO). Den Ablauf beschreibt Prüfungsanfechtung: Chancen, Kosten, Ablauf.
Die VwGO nennt keine Frist für das Überdenken; die Dauer hängt von Prüfern und Prüfungsamt ab. Bleibt die Entscheidung über den Widerspruch ohne zureichenden Grund aus, ist nach drei Monaten eine Untätigkeitsklage zulässig (§ 75 VwGO).
Zwei Rechenbeispiele: Legst Du am Montag, 12. Oktober 2026, Widerspruch ein, kommt eine Untätigkeitsklage frühestens nach Ablauf von drei Monaten in Betracht, also Mitte Januar 2027 (§ 75 S. 2 VwGO; kürzer nur bei besonderen Umständen). Wird der Widerspruchsbescheid am Donnerstag, 14. Januar 2027, zugestellt, endet die Klagefrist am Sonntag, 14. Februar 2027, und verschiebt sich auf Montag, 15. Februar 2027 (§ 74 Abs. 1 S. 1 VwGO, § 57 Abs. 2 VwGO i. V. m. § 222 Abs. 2 ZPO).
Das Überdenken gibt Dir kein Recht, zwischenzeitlich an der nächsten Prüfung teilzunehmen; der Widerspruch gegen die Note allein verschafft das nicht. Steht ein Termin an, hilft der Eilantrag auf vorläufige Teilnahme. Droht die Exmatrikulation, findest Du den Ablauf unter Zwangsexmatrikulation.
Häufige Fragen
Muss ich das Überdenkungsverfahren extra beantragen?
Fordere es im Widerspruch ausdrücklich ein und nenne konkrete Einwände: welche Aufgabe, warum Deine Lösung vertretbar ist. Ein Satz wie „Ich bin mit der Note nicht einverstanden“ genügt dafür nicht.
Gilt das auch in Berlin?
In Berlin gibt es keinen Widerspruch in Hochschulangelegenheiten (§ 42 Abs. 2 LOG Berlin). Ein Gegenvorstellungsverfahren regeln die Prüfungsordnungen (§ 42 Abs. 2 S. 2 LOG Berlin). Mach die Klagefrist nicht davon abhängig: Sie beträgt einen Monat ab Bekanntgabe (§ 74 Abs. 1 S. 2 VwGO).
Was passiert, wenn die Prüfer bei ihrer Bewertung bleiben?
Dann entscheidet die Behörde durch Widerspruchsbescheid. Weist er Deinen Widerspruch zurück, kannst Du binnen eines Monats nach Zustellung Klage beim Verwaltungsgericht erheben.
Wie lange dauert das Überdenkungsverfahren?
Die VwGO nennt dafür keine Frist. Entscheidet die Behörde über den Widerspruch ohne zureichenden Grund nicht, ist eine Untätigkeitsklage frühestens nach drei Monaten zulässig (§ 75 VwGO).
Kann ich das Überdenken nachträglich einfordern?
In der Regel ja, solange die Behörde noch nicht über den Widerspruch entschieden hat: § 70 VwGO verlangt keine Begründung, Einwände kannst Du nachreichen. Prüfe aber, ob Deine Prüfungsordnung eigene Fristen für Einwände setzt, und bitte im Zweifel um Fristverlängerung.
Gilt das Überdenken auch für Modulprüfungen?
Verfassungsrechtlich geht es um berufsbezogene Prüfungen. Für Modulprüfungen kommt es auf Landesrecht und Prüfungsordnung an; die CAU Kiel etwa regelt das Überdenken für Entscheidungen im Prüfungsverfahren der Bachelor- und Masterstudiengänge (§ 27 PVO).
Quellen
- BVerfG, Beschluss vom 17.04.1991, BVerfGE 84, 34: Einwände im Widerspruchsverfahren, Einbeziehung der Prüfer, Antwortspielraum
- § 16a HessAGVwGO: Vorverfahren bei der Bewertung einer Leistung in berufsbezogenen Prüfungen
- § 68 VwGO, Vorverfahren: Nachprüfung von Rechtmäßigkeit und Zweckmäßigkeit vor der Klage
- § 70 VwGO, Form und Frist des Widerspruchs: Monatsfrist des Widerspruchs
- § 74 VwGO, Klagefrist: Klage binnen eines Monats nach Zustellung des Widerspruchsbescheids
- § 75 VwGO, Untätigkeitsklage: Klage bei ausbleibender Entscheidung, in der Regel nach drei Monaten
- Prüfungsverfahrensordnung Bachelor und Master der CAU Kiel: Widerspruch, Überdenken durch die Entscheider und Stellungnahme in § 27
- § 19 LPO I Bayern, Überprüfung von Prüfungsentscheidungen: Einwände gegen die Bewertung, Fristen, Überprüfung durch die Prüfenden, keine Wahrung der Klagefrist
- § 42 LOG Berlin: kein Widerspruch in Hochschulangelegenheiten