Einstweilige Anordnung Prüfung: Eilantrag nach § 123 VwGO
Stand: 17. Oktober 2026
Mit einem Eilantrag nach § 123 VwGO beantragst Du beim Verwaltungsgericht, vorläufig an der nächsten Prüfung teilnehmen zu dürfen, bevor über Widerspruch oder Klage entschieden ist. Die Anforderungen sind hoch: Du musst einen Anspruch auf die Teilnahme und die Eilbedürftigkeit glaubhaft machen. Der Widerspruch gegen die Note allein gibt Dir kein Recht, am nächsten Termin anzutreten oder weiterzustudieren. Das Gericht entscheidet durch Beschluss (§ 123 Abs. 4 VwGO), und Eilverfahren dauerten 2024 im Schnitt 1,7 Monate (Destatis, WISTA 5/2025, alle Rechtsgebiete).
Das Wichtigste in Kürze
- Wofür: vorläufige Teilnahme an der nächsten Prüfung als Regelungsanordnung (§ 123 Abs. 1 S. 2 VwGO). Gegen die Exmatrikulation selbst schützt die aufschiebende Wirkung nach § 80 VwGO, für sie gilt § 123 nicht (§ 123 Abs. 5 VwGO).
- Maßstab: Die Zulassung nimmt das Ergebnis der Hauptsache vorweg, deshalb stellen Gerichte hohe Anforderungen. Anspruch und Eilgrund musst Du glaubhaft machen (§ 123 Abs. 3 VwGO i. V. m. § 920 Abs. 2 ZPO).
- Verfahren: beim Verwaltungsgericht der Hauptsache (§ 123 Abs. 2 VwGO), auch schon vor Klageerhebung, ohne Anwaltszwang (§ 67 Abs. 1 VwGO). Das gilt auch in Berlin, wo es keinen Widerspruch gibt.
§ 80 und § 123: Was wann hilft
Widerspruch und Anfechtungsklage gegen den Exmatrikulationsbescheid haben aufschiebende Wirkung (§ 80 Abs. 1 VwGO). Sie entfällt bei gesetzlichem Ausschluss oder angeordnetem Sofortvollzug (§ 80 Abs. 2 S. 1 Nr. 3 und 4 VwGO). Dann ist ein Antrag nach § 80 Abs. 5 VwGO der richtige Weg. In Bayern ist gegen den Exmatrikulationsbescheid nur die Klage statthaft. Der Exmatrikulationsbescheid ist meist ein eigener Verwaltungsakt mit eigener Monatsfrist, den der Widerspruch gegen die Note nicht aufhält. Die Einzelheiten stehen in Zwangsexmatrikulation: Ablauf.
Wer dagegen an einer Prüfung teilnehmen will, die ihm der Bescheid verwehrt, braucht die einstweilige Anordnung. In Berlin, wo es in Hochschulangelegenheiten keinen Widerspruch gibt (§ 42 Abs. 2 LOG Berlin), ist sie unabhängig davon möglich. Ob in Deinem Land Widerspruch oder Klage gilt, zeigt die Bundesland-Übersicht und die Anleitung zum Widerspruch.
Voraussetzungen
Der Eilantrag setzt drei Dinge voraus:
- Anordnungsanspruch: Du hast Anspruch auf die Teilnahme, weil der Bescheid voraussichtlich rechtswidrig ist. Das Gericht prüft die Erfolgsaussicht Deiner Hauptsache.
- Anordnungsgrund: Es ist eilig, etwa weil der Prüfungstermin oder die Anmeldefrist bevorsteht und eine Entscheidung im Hauptverfahren zu spät käme.
- Glaubhaftmachung: Du musst beides glaubhaft machen (§ 123 Abs. 3 VwGO i. V. m. § 920 Abs. 2 ZPO). Dafür kannst Du Dich aller Beweismittel bedienen, auch einer Versicherung an Eides statt (§ 294 Abs. 1 ZPO).
Weil die Zulassung zur Prüfung das Ergebnis der Hauptsache faktisch vorwegnimmt, verlangen Gerichte hier mehr als bei einer reinen Sicherung des Status quo. Rechne damit, dass die Erfolgsaussicht in der Hauptsache hoch sein muss. Die Zulassung gilt außerdem nur vorläufig: Verlierst Du das Hauptverfahren, kann das Ergebnis der vorläufig abgelegten Prüfung hinfällig werden. Bereite Dich deshalb auf beide Ausgänge vor.
Welche Anordnung Du beantragst
§ 123 Abs. 1 VwGO kennt zwei Arten. Die Sicherungsanordnung (Satz 1) greift, wenn durch eine Veränderung des bestehenden Zustands die Verwirklichung Deines Rechts vereitelt oder wesentlich erschwert werden könnte. Die Regelungsanordnung (Satz 2) regelt einen vorläufigen Zustand in einem streitigen Rechtsverhältnis, wenn das nötig erscheint, um wesentliche Nachteile abzuwenden. Die vorläufige Zulassung zu einer Prüfung beantragst Du als Regelungsanordnung.
Wann ein Eilantrag in Betracht kommt
Er lohnt sich vor allem, wenn der nächste reguläre Prüfungstermin ansteht, bevor über Dein Verfahren entschieden ist, oder wenn eine Anmeldefrist abzulaufen droht. Je stärker Deine Rüge in der Hauptsache ist, desto eher überzeugt der Antrag. Stelle ihn nicht vorsorglich: Er verursacht zusätzliche Kosten und ein zweites paralleles Verfahren.
Wie dringend ist es wirklich?
Vier Fragen helfen bei der Einschätzung:
- Wie viel Zeit bleibt bis zum nächsten Prüfungstermin und bis zur Anmeldefrist?
- Wie wahrscheinlich ist es, dass über Widerspruch oder Klage vorher entschieden wird?
- Was passiert, wenn Du den Termin verpasst: ein verlorenes Semester oder der Verlust des letzten Versuchs?
- Wie stark ist Deine Argumentation in der Hauptsache?
Ein Eilverfahren dauerte 2024 im Schnitt 1,7 Monate. Angenommen, die Anmeldefrist endet am 15. Januar 2027: Dann sollte der Antrag mit allen Unterlagen spätestens im November 2026 beim Gericht liegen, damit die durchschnittliche Dauer nicht zum Risiko wird. Einzelne Verfahren sind schneller, andere langsamer – eine Garantie gibt der Durchschnitt nicht.
Mit dem Antrag gehst Du außerdem ein Risiko ein. Erweist sich die Anordnung als von Anfang an ungerechtfertigt, muss der Antragsteller dem Gegner den Schaden ersetzen, der aus der Vollziehung entsteht (§ 945 ZPO, nach § 123 Abs. 3 VwGO entsprechend anwendbar). Ist die Hauptsache noch nicht anhängig, kann das Gericht auf Antrag des Gegners anordnen, dass Du binnen einer Frist Klage erheben musst; folgst Du dem nicht, wird die Anordnung aufgehoben (§ 926 ZPO).
Das Verfahren
Zuständig ist das Gericht der Hauptsache, in der Regel das Verwaltungsgericht (§ 123 Abs. 2 VwGO). Du kannst den Antrag schon vor einer Klage stellen (§ 123 Abs. 1 S. 1 VwGO) und musst Dich nicht anwaltlich vertreten lassen (§ 67 Abs. 1 VwGO). Der Antrag richtet sich gegen die Hochschule, die den Bescheid erlassen hat. Das Gericht entscheidet durch Beschluss (§ 123 Abs. 4 VwGO).
Die Kosten im Eilverfahren bemessen sich nach dem halben Streitwert der Hauptsache (Streitwertkatalog Nr. 1.5); nimmt die Entscheidung die Hauptsache vorweg, kann er bis zur vollen Höhe angehoben werden. Die Gerichtsgebühr beträgt das 1,5-Fache der Tabellengebühr (KV Nr. 5210 GKG). Ein Rechenbeispiel: Führt das Nichtbestehen einer Modulprüfung zur Beendigung des Studiums, empfiehlt der Streitwertkatalog für die Hauptsache den doppelten Auffangwert von 10.000 € (Nr. 18). Im Eilverfahren ist der Streitwert in der Regel die Hälfte, also 5.000 €. Die Tabellengebühr beträgt dafür 170,50 € (Anlage 2 GKG), die Gerichtsgebühr 1,5 × 170,50 € = 255,75 €. Nimmt die Entscheidung die Hauptsache vorweg, kann der Streitwert bis auf 10.000 € steigen – dann sind es 1,5 × 283,00 € = 424,50 €. Nimmst Du den Antrag früh zurück, ermäßigt sich die Gebühr auf 0,5, wenn noch kein Beschluss ergangen ist (KV Nr. 5211 GKG). Weitere Beträge stehen in Prüfungsanfechtung Kosten. Der Eilantrag fällt zusätzlich zum Hauptverfahren an, Du führst also zwei Verfahren parallel. Ob Du anwaltliche Hilfe willst, klärt Anwalt fürs Prüfungsrecht finden.
Wird der Antrag abgelehnt, läuft das Hauptverfahren unabhängig weiter. Du verlierst die Chance auf den vorläufigen Antritt und musst mit dem nächsten Termin planen.
Gegen den ablehnenden Beschluss gibt es die Beschwerde zum Oberverwaltungsgericht (§ 146 Abs. 1 VwGO). Du legst sie innerhalb von zwei Wochen nach Bekanntgabe beim Verwaltungsgericht ein (§ 147 Abs. 1 VwGO) und begründest sie innerhalb eines Monats nach Bekanntgabe mit einem bestimmten Antrag und den Gründen für die Abänderung (§ 146 Abs. 4 VwGO). Dafür brauchst Du einen Prozessbevollmächtigten (§ 67 Abs. 4 VwGO).
Was in den Antrag gehört
- Ein konkreter Antrag: vorläufige Zulassung zur Prüfung X am Termin Y bis zur Entscheidung in der Hauptsache.
- Der Sachverhalt: Bescheid mit Datum und Aktenzeichen, eingelegter Widerspruch oder erhobene Klage, nächster Prüfungstermin und Anmeldefrist.
- Der Anordnungsanspruch: Welche Fehler hat der Bescheid? Verweise auf Akteneinsicht und Widerspruchsbegründung.
- Der Anordnungsgrund: Warum kann das Gericht nicht auf das Hauptverfahren warten, und welchen Nachteil hast Du sonst?
- Die Glaubhaftmachung: Bescheid, Widerspruch, Prüfungsordnung, Terminplan und gegebenenfalls eine Versicherung an Eides statt.
Als Gerüst für den Antrag kannst Du diesen Text anpassen:
An das Verwaltungsgericht [Ort]. Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung. In Sachen [Name], Antragsteller, gegen [Hochschule], Antragsgegnerin, beantrage ich, die Antragsgegnerin im Wege der einstweiligen Anordnung zu verpflichten, mich vorläufig bis zur Entscheidung in der Hauptsache zur Prüfung [Bezeichnung] am [Datum] zuzulassen. Der Anordnungsanspruch folgt aus [Fehler des Bescheids, Fundstelle in der Akte]. Der Anordnungsgrund ergibt sich daraus, dass die Anmeldefrist am [Datum] endet und der nächste Termin erst am [Datum] stattfindet. Zur Glaubhaftmachung füge ich bei: Anlage 1 (Bescheid), Anlage 2 (Widerspruch), Anlage 3 (Prüfungsordnung), Anlage 4 (Versicherung an Eides statt).
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen § 80 VwGO und § 123 VwGO?
§ 80 VwGO regelt die aufschiebende Wirkung von Widerspruch und Anfechtungsklage, etwa gegen die Exmatrikulation. § 123 VwGO betrifft eine vorläufige Regelung wie die Zulassung zur nächsten Prüfung und gilt nicht für die Fälle der §§ 80 und 80a (§ 123 Abs. 5 VwGO).
Kann ich sicher sein, dass die vorläufige Teilnahme zählt?
Nein. Die Zulassung gilt vorläufig. Verlierst Du das Hauptverfahren, kann das Ergebnis hinfällig werden.
Wann sollte ich einen Eilantrag stellen?
Wenn der nächste Termin oder eine Anmeldefrist ansteht, bevor über Dein Verfahren entschieden ist, und Deine Rüge in der Hauptsache stark ist. Widerspruch und Klage ersetzt er nicht.
Brauche ich für den Eilantrag einen Anwalt?
Nein, vor dem Verwaltungsgericht kannst Du den Antrag selbst stellen (§ 67 Abs. 1 VwGO). Vor dem Oberverwaltungsgericht, etwa in einer Beschwerde, müssen sich die Beteiligten durch einen Prozessbevollmächtigten vertreten lassen (§ 67 Abs. 4 VwGO).
Was kann ich tun, wenn das Gericht den Eilantrag ablehnt?
Du kannst Beschwerde zum Oberverwaltungsgericht einlegen, binnen zwei Wochen nach Bekanntgabe (§ 147 Abs. 1 VwGO) und mit Begründung binnen eines Monats (§ 146 Abs. 4 VwGO). Dafür brauchst Du einen Prozessbevollmächtigten (§ 67 Abs. 4 VwGO).
Wie schnell entscheidet das Gericht?
Eilverfahren dauerten 2024 vor den Verwaltungsgerichten im Schnitt 1,7 Monate (Destatis, WISTA 5/2025, alle Rechtsgebiete). Das Gesetz nennt keine Entscheidungsfrist. In dringenden Fällen kann der Vorsitzende allein entscheiden (§ 123 Abs. 2 S. 3 i. V. m. § 80 Abs. 8 VwGO).
Quellen
- § 123 VwGO, Einstweilige Anordnung: Anordnungsarten, Zuständigkeit, Glaubhaftmachung, Beschluss, Abgrenzung zu § 80
- § 80 VwGO, Aufschiebende Wirkung: aufschiebende Wirkung, Ausnahmen, Antrag nach Absatz 5
- § 67 VwGO, Bevollmächtigte und Beistände: kein Anwaltszwang vor dem Verwaltungsgericht
- § 146 VwGO, Beschwerde: Beschwerde gegen Beschlüsse im vorläufigen Rechtsschutz, Begründung binnen eines Monats (Abs. 4)
- § 147 VwGO, Beschwerdefrist: Einlegung binnen zwei Wochen nach Bekanntgabe
- § 926 ZPO, Anordnung der Klageerhebung: Klagefrist, wenn die Hauptsache nicht anhängig ist
- § 945 ZPO, Schadensersatzpflicht: Schadensersatz bei von Anfang an ungerechtfertigter Anordnung
- Anlage 2 GKG, Gebührentabelle: Tabellengebühr 170,50 € bei 5.000 € und 283,00 € bei 10.000 € (Stand BGBl. 2025 I Nr. 109)
- § 920 ZPO, Arrestgesuch: Glaubhaftmachung von Anspruch und Grund (über § 123 Abs. 3 VwGO)
- Streitwertkatalog für die Verwaltungsgerichtsbarkeit, Fassung 21.02.2025: Streitwert im Eilverfahren (Nr. 1.5)
- Anlage 1 GKG, Kostenverzeichnis: Gebühr im Eilverfahren (Nr. 5210)
- Destatis, WISTA 5/2025, Verwaltungsgerichtliche Streitfälle in Deutschland: Dauer von Eilverfahren 2024
- § 42 LOG Berlin: kein Widerspruch in Hochschulangelegenheiten